Sexuelle Genussfähigkeit
Fühlt sich Sexualität bei dir oder bei euch manchmal wie eine Aufgabe an? Sex wird vertagt, Küsse sind flüchtig, und der Fokus liegt darauf, ob es „gut“ war – gemessen an Häufigkeit, Intensität oder Orgasmus?
Warum empfinden einige Menschen ihre Sexualität als genussvoll und andere eventuell als ein Abarbeiten von Pflichten? Wie kann ich Genuss in meiner Sexualität erleben? Sexueller Genuss ist eine Fähigkeit, die erlernbar ist. Die Berater*innen unterstützen dich im Erlernen von sexueller Genussfähigkeit.
Wir arbeiten wissenschaftsbasiert, kennen unsere Grenzen und gehen individuell auf deine Bedürfnisse ein.

Inhaltsverzeichnis zum Thema
Fragen und Antworten
Wie kann ich sexuelle Genussfähigkeit entwickeln?
Ein zentrales Werkzeug für Genusserleben beim Sex mit einer anderen Person ist die bewusste Unterscheidung: Will ich gerade geben oder empfangen, nehmen oder erlauben? Diese Klarheit verändert nicht nur die Qualität von Berührung, sondern stärkt auch die Verbindung zu sich selbst. Oft fehlt nicht die Fähigkeit zur Lust – sondern der Zugang dazu. Die richtigen Fragen helfen, diesen Zugang wiederzufinden.
Was kann mir dabei helfen, Genuss wiederzuentdecken?
Wer Genuss im Alltag wiederentdeckt – etwa beim Duft von Kaffee, beim Barfußlaufen über warmen Boden oder beim langsamen Essen – öffnet sich für Sinnlichkeit jenseits von Sexualität. Diese bewusste Wahrnehmung aktiviert das körperliche Erleben und kann ein erster Schritt zurück zur Lust sein.
Spüre genau in Berührungen hinein, wenn sie passieren: Welche Form von Berührung fühlt sich stimmig an zwischen euch – und in welcher Rolle fühlst du dich dabei wohl? Warum diese Frage zentral ist: Berührung ist nicht neutral. Ob jemand gibt oder empfängt, nimmt oder erlaubt, macht einen Unterschied – emotional und körperlich. Das bewusste Erleben dieser Rollen eröffnet neue Zugänge zu Lust und Intimität – jenseits automatischer Abläufe.
Welche Glaubenssätze spielen bei sexuellem Genuss eine Rolle?
Frage dich, welche inneren Regeln dein Erleben von Lust beeinflussen, und ob du sie behalten willst. Lust orientiert sich oft an gelernten Normen. Das Erforschen deiner Glaubenssätze hilft, unbewusste Prägungen sichtbar zu machen: Viele Menschen tragen Sätze ins sich wie z.B. „Lust muss spontan sein“ oder „Ich darf nur unter bestimmten Vorraussetzungen genießen“. Solche inneren Skripte zu hinterfragen, kann Genussfähigkeit spürbar erweitern. Denn diese Sätze schränken dich oft ein, ohne dass du es bewusst merkst. Wie sieht dein „erotisches Drehbuch“ aus, und welche Regeln willst du beibehalten? Wenn du deine Fantasien nicht wegschiebst, sondern ihnen Raum gibst, können sie dich reizen oder überraschen.
Was hilft mir, mich wieder selber wahrzunehmen?
Was brauchst du, um überhaupt ins Spüren zu kommen? Diese Frage richtet den Blick auf die Voraussetzungen von Lust: Lust entsteht selten „einfach so“. Sie braucht Raum, Sicherheit, Zeit und oft auch bewusste Übergänge vom Funktionieren zum Empfinden. Welche Schritte könntest du unternehmen, um vor dem Sex schon in ein Spüren deines Körpers zu kommen? Was hilft dir dabei?
Wie hängt sexueller Genuss mit meinem aktuellen Lebenskontext zusammen?
Was sind deine inneren „Erwartungsskripte“ – und wie reagiert dein Körper darauf? Der Körper zieht sich oft als Schutzmechanismus zurück, wenn er glaubt, er müsse funktionieren oder immer verfügbar sein. Wenn du im Modus bist, zu halten, zu geben und zu funktionieren (wie oft in der Elternrolle oder im Job), ist oft kein Raum für das Spüren deines eigenen Körpers. Dein Körper schützt dich vielleicht vor etwas, das ihm zu viel geworden ist: Druck, Erwartung, oder Nähe, die sich eng anfühlt.
Literaturempfehlung
Achtsam lieben
Eine sexuelle Entdeckungsreise für mehr Sinnlichkeit, Intimität und Nähe.
Von Angela und Christoph Kraus. 2022
Wie GENAU können wir durch Berührung unsere Sexualität hin zu mehr Achtsamkeit verändern?
Sowohl für Menschen in (langjährigen) Beziehungen als auch für Paar- und Sexualberater*innen ist dieses Buch ein Schatz an ganz konkreten Übungen, feinfühligen Erläuterungen und einleuchtenden Hilfestellungen. Besonders angenehm dargestellt durch klare ästhetische Zeichnungen.
Wunderbar lesbar, mut- und lustmachend geschrieben. Man merkt, dass die Autorin und der Autor nicht nur persönliche Erfahrungen, sondern auch jahrelange Dozentenerfahrungen in dem Gebiet Slow Sex mitbringen.
Absolute Leseempfehlung!
3 Tipps von Expert*innen
Durch Fokus zu mehr Erfüllung im Leben
Was ist dir wirklich wichtig?
Gestalte dein Leben bewusst nach deinen eigenen Wünschen und Werten. Finde heraus, was dir im Innersten wichtig ist – denn erst mit Klarheit kannst du deine Ziele Schritt für Schritt in die Umsetzung bringen.
Begegne deinen Ängsten und inneren Blockaden.
Erkenne, was dich zurückhält, wo du deine Prioritäten setzen möchtest und wie du deinen Weg in die Umsetzung findest. Mit Mut, Bewusstsein und Unterstützung wird Veränderung möglich.
Lebe Freude und Erfüllung
Bringe mehr Freude, Lebendigkeit und Sinn in dein Leben. Du allein bestimmst, was Erfüllung für dich bedeutet. Manchmal ist es ein längerer Prozess – nimm dir Zeit dafür und erlaube dir, dich auf deinem Weg begleiten zu lassen.
Expert*innen Interviews
Kontakt erleben mit dem Konsensrad

"Ich berate Menschen zu mehr Nähe, Intimität und Klarheit in ihren Beziehungen: Bedürfnisse offen ansprechen, Konflikte lösen und Sexualität lustvoll erleben."
ProfilseiteWas ist das Konsensrad?
Diese Übung ist eine praktische Einführung in das Konsensrad (angelehnt an das Wheel of Consent von Dr. Betty Martin) – ein Modell, das ein zentrales Werkzeug für bewusstes Erleben von Berührung, Grenzen und Zustimmung ist.
Das Wheel of Consent unterscheidet vier grundsätzliche Rollen im einvernehmlichen Kontakt:
- Ich gebe dir etwas – für dich
- Ich empfange etwas – von dir
- Ich nehme mir etwas – für mich, mit deiner Zustimmung
- Ich erlaube dir etwas – was du dir von mir nimmst
Diese Unterscheidung ist oft neu für Paare – aber sie eröffnet einen völlig anderen Zugang zu Nähe, Begehren und Berührungsqualität.
Warum ist das Konsensrad so kraftvoll?
Das Konsensrad macht sichtbar, was im Alltag oft unbewusst mitläuft: Wer führt in der Berührung? Wer stimmt zu – und wozu? Wer gibt gerne – und wer weiß vielleicht gar nicht, wie es sich anfühlt, etwas zu nehmen oder zu erlauben?
In meiner Praxis arbeiten wir mit dem Konsensrad, um genau diese Nuancen wieder bewusst zu machen. Wenn Paare Berührung auf diese Weise neu erleben, entsteht nicht nur mehr Nähe – sondern auch mehr Selbstbestimmung, mehr Klarheit, mehr Freude.
Und: Es macht oft Lust auf mehr. Denn wenn wir gelernt haben, wie sich einvernehmlicher, bewusster Körperkontakt anfühlt, wird Berührung wieder zu dem, was sie sein kann – lebendig und verbindend.
Wie gelingt gute Berührung mit dem Konsensrad?
Gute Berührung beginnt mit einer inneren Haltung. Sie braucht Präsenz, Absichtslosigkeit und Aufmerksamkeit. In meiner Arbeit als körperpsychologisch orientierte Paar- und Sexualberaterin sehe ich immer wieder: Wenn Paare lernen, wirklich zu berühren – ohne Ziel, ohne Automatismus – entsteht oft wieder das, was sie vermisst haben: echte Nähe, Vertrauen und ein Begehren, das sich nicht erzwingen lässt, sondern wachsen darf.
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